The Big Ideas of 2012

Michael Hardt & Antonio Negri

Was von 2012 zu erwarten ist.
blulaces

Einige der inspirierendsten sozialen Kämpfe 2011 haben Demokratie an die Spitze ihrer Agenda gesetzt.

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Auch wenn sie aus sehr unterschiedlichen Bedingungen hervorgingen, teilten diese Bewegungen – von den Aufständen des arabischen Frühlings zu den Gewerkschaftsschlachten in Wisconsin, von den Studentenprotesten in Chile zu denen in den USA und Europa, von den Britischen Unruhen zu den Besetzungen der Spanischen Indignados und den Griechen vom Syntagma Platz, und von Occupy Wall Street zu den unzähligen lokalen Formen der Verweigerung auf der ganzen Welt – vor allem eine negative Forderung: Schluss mit den Strukturen des Neoliberalismus! Dieser gemeinsame Schrei ist nicht nur ein ökonomischer Protest, sondern auch unmittelbar ein politischer, gegen die falschen Ansprüche von Repräsentation. Weder Mubarak und Ben Ali noch die Wall Street Banker, noch Medien Eliten noch nicht einmal Präsidenten, Gouverneure, Parlamentsabgeordnete, und andere gewählte Amtspersonen – niemand von denen repräsentiert uns. Die außergewöhnliche Gewalt der Verweigerung ist sehr wichtig natürlich, aber wir sollten sorgfältig sein und im Lärm der Demonstrationen und Konflikte ein zentrales Element nicht aus den Augen verlieren, das über Protest und Widerstand hinausreicht. Diese Bewegungen teilen auch das Streben nach einer neuen Art von Demokratie, ausgedrückt mit zögernder und unsicherer Stimme, in manchen Fällen aber ausdrücklich und kraftvoll in anderen. Die Entwicklung der Sehnsucht ist einer der Diskussionsstränge, denen wir mit der größten Nervosität folgen in 2012.

Eine Quelle von Antagonismus, mit der sich alle diese Bewegungen auseinander setzen müssen, selbst die, die gerade Diktatoren gestürzt haben, ist die Unzulänglichkeit moderner demokratischer Verfassungen, speziell ihrer Ordnung von Arbeit, Eigentum, und Repräsentation. In diesen Verfassungen ist vor allem Lohnarbeit der Schlüssel zum Zugang zu Einkommen und den bürgerlichen Grundrechten, eine Beziehung, die lange Zeit schlecht funktioniert hat für die, die sich außerhalb des regulären Arbeitsmarktes befanden, einschließlich der Armen, der Arbeitslosen, unbezahlter weiblicher Arbeiterinnen, von Einwanderern und anderen. Doch heute sind alle Formen von Arbeit zunehmend prekär und ungesichert. Arbeit ist weiterhin die Quelle von Reichtum in der kapitalistischen Gesellschaft, natürlich, aber in steigendem Maße außerhalb der Beziehung zum Kapital und häufig außerhalb der stabilen Lohnbeziehung. Im Ergebnis verlangt unsere soziale Verfassung weiterhin Lohnarbeit für volle Rechte und Zugang in eine Gesellschaft, in der solche Arbeit weniger und weniger verfügbar ist.

Das Privateigentum ist eine zweite fundamentale Säule der demokratischen Verfassungen, und soziale Bewegungen stellen heute nicht nur nationale und globale Regeln der neoliberalen Regierung in Frage, sondern auch die Herrschaft des Eigentums im Allgemeineren. Eigentum hält nicht nur soziale Spaltungen und Hierarchien aufrecht, sondern erzeugt auch einige der mächtigsten Bindungen (häufig perverse Verbindungen), die wir miteinander und in unseren Gesellschaften teilen. Und doch hat die zeitgenössische soziale und ökonomische Produktion einen zunehmend gemeinschaftlichen Charakter, der den Grenzen des Eigentums trotzt und die Grenzlinien zum Eigentum überschreitet. Die Möglichkeit des Kapitals Profit zu generieren nimmt ab, da es seine unternehmerische Fähigkeit und Macht verliert, soziale Disziplin und Kooperation zu koordinieren. Stattdessen häuft das Kapital zunehmend Reichtum an, primär in Formen von Vermietung, am häufigsten organisiert durch Finanzinstrumente, durch welche es Werte anzapft, die sozial und relativ unabhängig von seiner Macht produziert werden. Aber jeder Fall von privater Akkumulation reduziert die Macht und Produktivität der Allgemeinheit. Privates Eigentum wird auf diese Weise umso mehr nicht nur ein Parasit, sondern auch ein Hindernis für soziale Produktion und soziale Wohlfahrt.Schließlich, ein dritter Pfeiler von demokratischen Verfassungen, und Gegenstand zunehmenden Widerspruchs, wie wir schon früher sagten, ruht auf den Systemen der Repräsentation und ihren falschen Behauptungen, demokratische Regierung zu begründen. Die Macht professioneller politischer Repräsentanten zu beenden, ist eine der wenigen Parolen der sozialistischen Tradition, die wir aus ganzem Herzen unter unseren heutigen Bedingungen bestätigen können. Professionelle Politiker, zusammen mit Konzernchefs und der Medienelite, üben nur eine äußerst schwache Form von repräsentativer Funktion aus. Das Problem ist nicht so sehr, dass Politiker korrupt sind (auch wenn dies in vielen Fällen zutrifft), sondern vielmehr, dass die verfassungsmäßige Struktur die Mechanismen der politischen Entscheidungsfindung von der Macht und den Wünschen der Multitude isoliert. Jeder reale Prozess von Demokratisierung in unseren Gesellschaften muss den Mangel an Repräsentanz und die falschen Vorwände von Repräsentation im Kern der Verfassung angreifen.

Die Rationalität und Notwendigkeit von Revolte entlang dieser drei Achsen und vieler anderer, welche viele Kämpfe heute beleben, ist jedoch wirklich nur der erste Schritt, der Startpunkt. Die Hitze der Empörung und die Spontaneität der Revolte müssen organisiert werden, um dauerhaft zu werden und neue Lebensformen zu bilden, alternative soziale Formationen. Die Geheimnisse für diesen nächsten Schritt sind so rar wie sie kostbar sind.

Auf dem Felde der Wirtschaft müssen wir neue soziale Technologien entdecken, um frei gemeinsam zu produzieren und um den geteilten Reichtum gerecht zu verteilen. Wie können unsere produktiven Energien und Wünsche verbunden und verstärkt werden in einer Wirtschaft, die nicht auf Privateigentum beruht? Wie können Wohlfahrt und grundlegende soziale Ressourcen in einer sozialen Struktur für alle bereit gestellt werden, die nicht durch Staatseigentum geregelt und dominiert wird? Wir müssen die Beziehungen von Produktion und Austausch genauso aufbauen, wie die Strukturen der sozialen Wohlfahrt, die aus dem Gemeinsamen bestehen und ihm angemessen sind.

Die Herausforderungen auf politischem Gebiet sind ebenso voller Dornen. Einige der inspirierendsten und innovativsten Ereignisse und Revolten der letzten Dekade haben demokratisches Denken und Handeln radikalisiert durch das Besetzen und Organisieren eines Raumes, wie einen öffentlichen Platz, mit offenen, partizipatorischen Strukturen oder Versammlungen, und diese neuen demokratischen Formen auch noch für Wochen oder Monate aufrecht erhalten. Tatsächlich ist die innere Organisation der Bewegungen selbst ständigen Prozessen der Demokratisierung unterworfen gewesen, in dem Bemühen horizontale partizipatorische Netzwerkstrukturen zu erschaffen. Die Revolten gegen das herrschende politische System, gegen seine Berufspolitiker, und seine illegitimen Strukturen der Repräsentation sind somit nicht darauf aus, irgendein ein Bild eines legitimen System der Repräsentation aus der Vergangenheit wiederherzustellen, sondern vielmehr mit neuen Formen demokratischen Ausdrucks zu experimentieren: democracia real ya. Wie können wir Empörung und Rebellion in einen dauernden verfassungsgebenden Prozess transformieren? Wie können Experimente mit Demokratie eine verfassungsgebende Macht werden, und nicht nur einen öffentlichen Platz demokratisieren oder eine Nachbarschaft, sondern auch eine alternative Gesellschaft erfinden, die wirklich demokratisch ist?

Um diese Probleme anzugehen, haben wir, wie viele andere auch, mögliche erste Schritte vorgeschlagen, wie die Einführung eines garantierten Einkommens, einem globalen Bürgerrecht, und einen Prozess der demokratischen Wiederaneignung der Gemeingüter. Aber wir machen uns keine Illusionen, dass wir alle Anworten haben. Stattdessen sind wir ermutigt durch die Tatsache, dass wir nicht alleine die Fragen stellen. Wir sind wirklich zuversichtlich, dass diejenigen, die unzufrieden sind mit dem Leben, welches uns unsere zeitgenössische neoliberale Gesellschaft bietet, diejenigen die empört sind über ihre Ungerechtigkeiten, diejenigen die rebellisch sind gegenüber den Mächten, die sie befehligen und ausbeuten, und diejenigen die sich nach einer alternativen demokratischen Form des Lebens sehnen, die auf dem gemeinsamen Reichtum aufbaut, den wir teilen – dass sie, indem sie diese Fragen stellen und ihrem Verlangen folgen, neue Lösungen finden werden, die wir uns noch nicht einmal vorstellen können. Dies sind einige unserer besten Wünsche für 2012.

Michael Hardt ist amerikanischer politischer Philosoph und Literaturtheoretiker. Antonio Negri ist italienischer marxistischer Philosoph. In den späten 1970ern wurde Negri beschuldigt der "Mastermind" hinter der linksgerichteten Terroristengrupoe Rote Brigaden zu sein. Negri wanderte aus nach Frankreich wo er in Paris lehrte zusammen mit Jacques Derrida, Michel Foucault und Gilles Deleuze. Hardt und Negri publizierten zusammen vier wichtige Kritiken des Spätkapitalismus und der Globalisierung: Labor of Dionysus: A Critique of the State-Form (1994), Empire (2000), Multitude (2004) und Commonwealth (2009). Diese vier Werke wurden von zeitgenössischen Aktivisten hoch gepriesen. Empire, zum Beispiel, wurde als "nicht mehr und nicht weniger als die Neufassung des kommunistischen Manifestes für unsere Zeit" gewürdigt durch den Lacanischen Philosophen Slavoj Žižek.

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