American Autumn

Warum Großbritannien jetzt die Hilfe der Internationalen Brigaden benötigt

Manchmal liegt die Herausforderung nicht im Kampf selbst, sondern in der Auswahl des Schauplatzes.
John Kolesidis / Reuters

Überall in Europa sehen sich heute Jugendliche, Arbeiter, Arbeitslose, Rentner, Migranten und Familien mit der gleichen düsteren Armee von Sparmaßnahmen, kapitalistischen Repressalien und Polizeigewalt konfrontiert.

In diesem historischen Augenblick sitzen die Angehörigen der europäischen Mittel- und Unterschicht wirklich „alle im gleichen Boot“ („we’re all in this together“, wie der britische Premierminister nicht müde wird, zu betonen).

Unser gemeinsamer Feind ist schon seit einiger Zeit leicht auszumachen. Allerdings hat sich seine Gestalt im Laufe der Jahre verändert, als habe er eine gewissermaßen revolutionäre Transformation durchlaufen, die seinem Körper eine Präsenz verleiht, die allgegenwärtig und unendlich vervielfältigbar ist.

Der Finanzkapitalismus ist überall, von den Pensionskassen bis zur Eigenheimhypothek. Multinationale Konzerne haben ihre Tentakel in jeden Bereich des menschlichen Lebens vorgestreckt, vom Gefängnissystem bis zur Babynahrung. Der Sicherheitsapparat ist inzwischen weit mehr als nur das leere Streben nach dem Panoptikum, er hat eine reale Präsenz in jedem Winkel der physischen, digitalen und kulturellen Welt entwickelt. Die Arroganz des Staates hat die Auslöschung des Sozialsystems mit der epidemischen Ausbreitung der Gedankenkontrolle und der sozialen Säuberung vereint. Die Verantwortungslosigkeit globaler Industrieunternehmen hat zu einer Verseuchung aller Bereiche der Biosphäre geführt, vom Wasser im Nigerdelta bis zur Luft in Peking.

Und auch wenn wir alle im gleichen Kampf gegen den totalitären Kapitalismus begriffen sind, so hat sich doch in diesem Szenario die Anzahl der Schlachtfelder, auf denen unsere Kampfkraft benötigt wird, drastisch vergrößert.

Um bei der militärischen Metapher zu bleiben: Unsere - wenn auch zahlreichen - Truppen sind im Augenblick überlastet, sie laufen hinter Geistern und ungreifbaren Trugbildern des Feindes her.

Athen, Rom, Paris, Madrid, Lissabon, London und selbst Tunis und Kairo. Wie ist es möglich, eine erfolgversprechende Strategie zu entwickeln, wenn wir an so vielen Orten zur gleichen Zeit kämpfen müssen?

Gehen wir einmal zurück an einen Zeitpunkt, der, obwohl er ein gutes Stück in der Vergangenheit liegt, viele Parallelen zu unserer augenblicklichen Situation aufweist.

Im Jahre 1936 sah sich ganz Europa mit einem einzelnen, äußerst bedrohlichen Feind konfrontiert: dem totalitären Faschismus. Viele Länder waren ihm bereits zum Opfer gefallen und viele weitere würden noch folgen. Italien befand sich seit beinahe einem Jahrzehnt unter faschistischer Herrschaft, Portugal seit exakt zehn Jahren, Deutschland war nur drei Jahre zuvor von den Nazis übernommen worden und Länder wie Großbritannien spielten intensiv mit dem Gedanken, sich auf eine ähnliche Regimeform zuzubewegen. In jenem Jahr vollzog General Francisco Franco seinen Angriff auf die Spanische Republik, wobei er sich rasch die Unterstützung Italiens und Deutschlands sicherte und der Faschismus einem weiteren europäischen Staat drohte. Auch wenn die europäische Zivilbevölkerung an vielen verschiedenen Orten dem gleichen Feind gegenüberstand, so war es doch eindeutig, dass Spanien sich als dringlichster Kampfschauplatz anbot.

Nachdem sie diesen einen spezifischen Kampf als Herzstück des größeren Geschehens ermittelt hatten, konnten sich Tausende antifaschistischer Kämpfer, die in ihren Heimatländern machtlos waren, zusammenschließen und ihre gemeinsame Energie einem besseren Ziel zuführen als einsamer Frustration oder selbstmörderischem Heldentum.

Zu diesem Zeitpunkt entschieden sie sich dafür, dieses gemeinsame Unterfangen in Anlehnung an die Kommunistische Internationale „Internationale Brigaden” zu nennen.

Was können wir heutzutage aus dieser historischen Lektion lernen?

Nun, zuallererst natürlich, dass kämpferische Bemühungen, selbst wenn sie einer gerechten Sache dienen, nicht zwangsläufig siegreich enden. Wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, dass der Krieg gegen den Faschismus nicht von den internationalen Solidaritätsgruppen gewonnen wurde, sondern von einem Bündnis militarisierter Nationalstaaten – die de facto Europa nach dem Krieg in einen von Staaten kontrollierten kapitalistischen Kontinent verwandelten, nicht etwa in den anarchistisch-sozialistischen Traum der antifaschistischen Partisanen.

Am wichtigsten jedoch ist, dass wir das Beispiel des Spanischen Bürgerkriegs als Memento dafür nehmen, dass es in gewissen historischen Momenten notwendig ist, einen gemeinsamen Kampfschauplatz zu finden, an dem die Kräfte aus allen Ländern sich vereinigen können.

Wo könnten sich die heutigen Internationalen Brigaden in ihrem Kampf gegen die Sparmaßnahmen, den Kapitalismus und den Totalitarismus versammeln?

Wie in den 1930ern scheinen wir eine größere Auswahl zu haben, als uns lieb ist. Manche würden sagen, dass Griechenland sich anbietet, der erste EU-Staat, der offiziell der Dritten Welt beitreten wird. Da dort bereits Hunderte von anarchistischen Gruppierungen und unzählige soziale Bewegungen und Organisationen vorhanden sind, könnte Griechenland ein guter Ort zu sein, um alle Bemühungen zusammenzuschließen. Andere würden sagen, Italien sei prädestiniert – ein Land, in dem eine korrupte, plutokratische Regierung nun endlich unter dem Gewicht der Finanzkrise zusammenbricht, während es täglich zu neuen, stärker werdenden Studenten- und Migrantenunruhen kommt. In Italien gibt es eine geschichtlich starke Tradition von Widerstandsbewegungen sowie eine weitverbreitete Kultur des Anarchismus, besonders in den südlichen Regionen. Andere wiederum würden vielleicht sogar Monaco als Schauplatz einbringen. Das Fürstentum ist eine der wohl berühmtesten Ikonen des internationalen Kapitalismus. Es handelt sich um ein winziges Land, nachgerade ohne eigene Armee und mit gewaltiger kultureller Konnotation.

Dieser Liste, die noch viele weitere Schauplätze umfasst, würde ich gerne Großbritannien hinzufügen. Ungleich den anderen Beispielen zeichnet sich das heutige Großbritannien nicht durch Potential für einen Sieg, sondern durch die absehbare Gefahr einer erschütternden Niederlage aus. Nach den Aufständen in den letzten Wochen hat sich die Regierung bemüht, so schnell wie möglich eine Reihe von Sozial- und Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, die dieses Land in Gefahr bringen, sich auf eine dystopische Version des Viktorianischen Zeitalters zuzubewegen. Die Randalierer sollen, so Cameron, die volle Macht des Gesetzes zu spüren bekommen. So wurde etwa ein 23-Jähriger für den Diebstahl von zwei Flaschen Wasser zu sechs Monaten im Gefängnis verurteilt, ein 18-Jähriger erhielt eine Gefängnisstrafe über 6 Wochen dafür, dass er zu einem Polizisten gesagt hatte: “Ich würde dich plattmachen, wenn du deine Uniform ausziehen würdest” und zwei junge Männer, die über ihre Facebook-Seite versucht hatten, zu Krawallen aufzurufen, erhielten eine Haftstrafe von je vier Jahren. Und es geht so weiter, die gesamte Liste umfasst mehr als 2300 Festnahmen. Die Familien der Festgenommenen verlieren jegliche Sozialleistungen von der Regierung (wenn sie diese beziehen) und die Räumungsbefehle für ihre Sozialwohnungen wurden bereits verschickt. Cameron hat sich deutlich dafür ausgesprochen, dass die Regierung gegen die Brutherde solcher Revolten – die ärmsten Bezirke des Landes - sicherheitstechnisch und sozial „zurückschlägt” und hat sich bereits an den amerikanischen „Supercop” Bill Bratton gewandt, um eine generelle „Null-Toleranz”-Politik überall im Land einzuführen. Und all dies während die Londoner City immer noch die Hauptschlagader des globalen Finanzsystems ist und Legionen von Bankern und Spekulanten beherbergt, die so emsig wie eh und je damit beschäftigt sind, die Weltwirtschaft und das Ökosystem auszuplündern und zu zerstören.

Die schleichende Militarisierung des Vereinigten Königreichs, die stetig strengeren Einwanderungsgesetze, die erbarmungslose soziale Säuberung der unteren Klassen durch Regierungsverordnungen und die Gentrifizierung in den Städten und die beispiellosen Angriffe auf das Bildungs- und Gesundheitssystem in Verbindung mit den schamlos ausgenutzten Privilegien der Oberschicht und der globalen Konzerne lassen keine Frage darüber offen, dass Großbritannien der Laborversuch für das post-krisenhafte Europa von Morgen ist.

Großbritannien ist nicht Griechenland, es ist ein gesittetes, normales Erstweltland. Sollte das totalitäre kapitalistische Projekt in Großbritannien erfolgreich sein, dann bietet dies dem Rest von Europa eine „funktionierende” Vorlage, die bald zu sogar noch härteren Maßnahmen in allen EU-Mitgliedsstaaten und Kandidatenstaaten führen wird. Eine Niederlage in Großbritannien wäre ein höchst gefährlicher Schritt hin zu einer Niederlage auf dem gesamten Kontinent. Aus diesem Grund glaube ich, dass das Vereinigte Königreich unser Land der Wahl für einen gemeinsamen, internationalen Kampf sein sollte. So wie Spanien in den 1930ern, so sollte das Vereinigte Königreich heutzutage das Ziel der neuen Internationalen Brigaden sein.

Wie könnten Internationale Brigaden heutzutage in einer Situation nicht-militärischer, ziviler Aufstände funktionieren? Ich glaube, dass die Kampfpraxis heute anstatt im bewaffneten Kampf heute eher in präfigurativer Politik bestehen sollte, in der augenblicklichen Implementierung von Lebensmodellen, die utopisch erscheinen. Natürlich ist die Relevanz solcher Versuche postkapitalistischen Lebens proportional zu ihrer Verbreitung und der Größenordnung zu sehen.

Dank dem Schengener Abkommen der Freizügigkeit in der EU und der Verfügbarkeit von günstigen Transportmitteln, sind heute EU-interne Migrationen in einer Größenordnung wie niemals zuvor vorstellbar. So könnte beispielsweise buchstäblich jeder einzelne arbeitslose Jugendliche schnell und günstig auf unbestimmte Zeit ins Vereinigte Königreich ziehen. Das Vereinigte Königreich wäre innerhalb kürzester Zeit von Massen von Aktivisten überschwemmt, die wenig zu verlieren und „eine Welt zu gewinnen” haben. Bedenkt man, dass die Jugendarbeitslosenquote in den meisten europäischen Ländern bei etwa 20 % liegt, so sprechen wir hier über wirklich riesige Zahlen. Sobald sie in Großbritannien sind, könnte diese neue Welle politischer Immigranten – alias Neue Internationale Brigaden – zahllose regionale Projekte in jedem Bezirk des Landes ins Leben rufen. Die Vororte von London, Manchester, Liverpool, Glasgow, Bristol, Brighton und vielen weiteren britischen Städten bieten eine Menge Möglichkeiten für regionale Direkte Aktionen. Bei dieser Anzahl von Menschen könnte es zu einem drastischen Anstieg von Hausbesetzungen kommen, wodurch sich in den meisten Städten soziale Zentren bilden könnten und überall auf der Insel ein kooperatives Netzwerk entstünde. Außerdem würde die Begegnung mit gleichgesinnten Aktivisten – über einen längeren Zeitraum als bei den kurzen Zusammenkünften der Gipfelgegner – zur Entwicklung neuer Kampf- und Lebensmodelle führen, zur Vermischung (mestizaje) von Ideen, Praktiken und Lösungen und zur Erschaffung einer wirklichen Graswurzel-Alternative zu augenblicklichen Strukturen des Wirtschafts- und Soziallebens. Arbeitslose Jugendliche Europas, schaut Euch um! Was habt Ihr zu verlieren? Ein eintöniges Leben? Frustration? Machtlosigkeit? Ausbeutung? Unterdrückung?

Rentenempfänger Europas, wie steht es um Eure Situation? Ihr seid die letzten, die noch eine Pension erhalten werden und die bei guter Gesundheit freie Zeit zur Verfügung haben. Was werdet Ihr mit der euch verbleibenden Zeit machen? Fernsehen? An die guten alten Zeiten zurückdenken, als Ihr noch für etwas gekämpft habt? Alles für Euer Ableben vorbereiten?

Die Menschen im Vereinigten Königreich, die Immigranten wie die Untertanen Ihrer Majestät, brauchen heute Eure Hilfe! Kommt zu Tausenden, überflutet dieses Land! Lasst uns ihren blutleeren Traum von der Unterdrückung in das blühende, wachsende Erlebnis unseres befreiten Daseins verwandeln! Lasst es uns zusammen angehen, gemeinsam können wir dieses Land der überwachten Bürger in ein Land verwandeln, in dem alle Fremde sind, in dem jeder daheim ist. Die Zeit läuft und wir müssen schnell handeln. Die Truppen des totalitären Kapitalismus mit ihren Generälen bei Scotland Yard, in der City, in Downing Street, sind rapide dabei, sich zu reorganisieren. Wenn wir nicht bald handeln, riskieren wir, diesen Kampf für immer zu verlieren. Kommt zu Tausenden! Verbreitet euch überall! Wir können Sie überraschen! Denkt an das, was Sun Tzu sagte: „Erscheine an Orten, zu deren Verteidigung der Feind erst herbeieilen muss; marschiere rasch zu den Orten, an denen du nicht erwartet wirst.“

Federico Campagna

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Anonymous

Entweder das Original ist unvollständig oder diese 'Übersetzung' ist ein Betrug.
Either the original text is incomplete or this 'translation' is a fraud.
Smell the fish?

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