Apocalyptic Boredom

Warum wir nicht warten können

Inspiration für Occupy Wall Street von Martin Luther King, Jr.
Lyndon Baines Johnson Library and Museum

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Eine Methodik und Philosophie einer Revolution wird nicht von einem Tag auf den anderen entworfen und akzeptiert. Sobald sie auftaucht, wird sie strengen Prüfungen unterzogen und mit Kritik, Verachtung und Vorurteilen betrachtet. In jeder Gesellschaft empfindet die alte Garde Widerwillen gegenüber neuen Methoden, da die alte Garde für Siege in auf bisher übliche Weise geführten Kriegen mit Orden und Auszeichnungen bedacht wurde. Oft kommt Opposition nicht nur von den Konservativen, die sich an Traditionen festklammern, sondern auch von extremistischen Militanten, die weder das Alte noch das Neue akzeptieren wollen.

Viele dieser Extremisten haben die Bedeutung und die Intention der Gewaltlosigkeit nicht verstanden, da sie nicht erkannt haben, dass der gewaltlose Widerstand ebenfalls in der Bereitschaft zum Kampf wurzelt. Wütende Mahnungen an Straßenecken und mitreißende Aufrufe an die Schwarzen (A.d.Ü: Martin Luther King benutzt im Original das Wort „Negroes“, was heutzutage nur schwerlich politisch korrekt zu übersetzen ist!), sich zu bewaffnen und zu kämpfen rufen lauten Applaus hervor. Doch wenn der Applaus verstummt, gehen die Aufrufer und die Aufgerufenen wieder nach Hause und liegen eine weitere Nacht ohne Aussicht auf irgendeinen Fortschritt im Bett. Sie können das Problem, mit dem sie konfrontiert sind, nicht lösen, da sie als Herausforderung nur einen Ruf zu den Waffen bieten, dem sie selbst nicht folgen wollen, da sie wissen, dass sie dann ein dunkles Schicksal erwartet. Sie können das Problem nicht lösen, weil sie eine Negativsituation mit negativen Mitteln auflösen wollen. Sie können das Problem nicht lösen, weil sie die großen Bevölkerungsgruppen, die nötig wären, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und die Entschlossenheit der Bevölkerungsmehrheit zu verdeutlichen, nicht erreichen und zu nachhaltigem Handeln bewegen können. Die Konservativen mit der Meinung “Lasst uns nicht so schnell vorangehen” und die Extremisten mit der Auffassung “Lasst uns hinausgehen und die Welt verprügeln” würden sagen, dass sie so weit voneinander entfernt sind wie die Pole. Aber es gibt eine auffällige Parallele: Sie bringen es zu nichts – da sie die Leute und ihr dringendes Bedürfnis nach Freiheit nicht erreichen.

Wir hatten entschieden, an den ersten Tagen lediglich Sit-Ins durchzuführen. Da wir einen langen Kampf erwarten, wollten wir lieber langsam beginnen und einer begrenzten Anzahl von Verhaftungen täglich. So wollten wir unsere Energien rationieren und zum Aufbau und Drehbuch einer wachsenden Bewegung beitragen. Die ersten Demonstrationen waren folglich nicht spektakulär, aber gut organisiert. Im Rahmen eines präzisen Zeitplans hielten Kleingruppen eine Reihe von Sit-Ins an Essensausgaben in zentral gelegenen Kaufhäusern und Drugstores ab. Nachdem die Demonstranten gebeten worden waren, zu gehen und dies abgelehnt hatten, wurden sie den örtlichen Vorschriften gemäß verhaftet, da sie trotz Verwarnung Hausfriedensbruch begangen hatten. Bis Freitagabend gab es keine nennenswerten Zwischenfälle. Offensichtlich glaubten weder Bull Connor, Polizeichef von Birmingham und Befürworter der Rassentrennung, noch die Händler, dass dieser ruhige Anfang zu einer weitumfassenden Operation erblühen würde.

Bei einem dramatischen Ereignis waren selbst Bull Connors Männer bewegt. An einem Sonntagnachmittag wollten sich einige hundert Schwarze aus Birmingham zum Gebet in der Nähe des städtischen Gefängnisses treffen. Sie versammelten sich an der New Pilgrim Baptist Church und begannen friedlich zu marschieren. Bull Connor reagierte mit Polizeihunden und Feuerwehrschläuchen. Als die Demonstranten die Grenze zwischen den Weißen- und den Schwarzenvierteln erreichten, befahl ihnen Connor, umzukehren. Reverend Charles Billups, Anführer des Marsches, lehnte dies höflich ab. Wütend stürzte Connor sich auf seine Männer und schrie:

“Verdammt nochmal! Dreht das Wasser auf!”

In der nächsten halben Minute spielte sich eine der unglaublichsten Szenen der Kampagne in Birmingham ab. Connors Männer standen mit ihren erhobenen todbringenden Schläuchen einsatzbereit den Demonstranten gegenüber. Die Demonstranten, viele davon auf Knien, starrten furchtlos und ohne sich zu rühren zurück. Langsam standen die Schwarzen auf und gingen weiter. Connors Männer wichen wie hypnotisiert zurück, nutzlos schwingende Schläuche in der Hand, und einige hundert Schwarze gingen ohne weiteren Zwischenfall an ihnen vorbei und hielten ihre geplanten Gebete ab.

Da sich die Gefängnisse füllten und sich nationale Missbilligung und Verachtung nun auf Birmingham fokussierten, gab Bull Connor das Prinzip der Gewaltlosigkeit auf. Das hässliche Ergebnis ist Amerikanern und Menschen weltweit nun sehr gut bekannt. In den Zeitungen vom 4. Mai wurden Fotos veröffentlicht: von auf dem Boden liegenden Menschen und über sie gebeugten Polizisten mit Knüppeln, von Kindern, die sich den entblößten Zähnen von Polizeihunden nähern und von Schläuchen, deren schrecklicher Wasserdruck Menschenkörper über die Straßen fegt.

In dieser Zeit lastete auf uns der größte Druck, und durch den Mut und die Überzeugung diese Schüler und Erwachsenen wurde sie zu unserer Sternstunde. Wir schlugen nicht mit Gewalt zurück und wichen nicht zurück. Wir ließen uns nicht verbittern. Einige Außenstehende, unvertraut mit der Disziplin der Gewaltlosigkeit, reagierten auf die Brutalität der Polizei mit Flaschen- und Steinwürfen. Die Demonstranten selbst bleiben gewaltlos. Durch diese Entschlossenheit und diesen Mut wurde das moralische Gewissen der Nation tief bewegt und im ganzen Land wurde unser Kampf zum Kampf der anständigen Amerikaner aller Rassen und Glaubensrichtungen.

Martin Luther King, Jr., Warum wir nicht warten können

1967 gründete Martin Luther King die Poor People’s Campaign, eine multiethnische Bewegung, die die Macht der Gewaltlosigkeit zur Bekämpfung wirtschaftlicher Ungerechtigkeit einsetzen wollte. Zweitausend arme Menschen sollten nach Washington, D.C. marschieren und Arbeitsplätze, Arbeitslosenversicherung, faire Mindestlöhne und Zugang zu Bildung fordern. King wurde sechs Monate später ermordet.

Übersetzt von: Translator Brigades[email protected]