Apocalyptic Boredom

Toxikultur

Eine vereinheitlichte Theorie mentaler Verschmutzung.

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Wie setzen wir uns zur Wehr gegen den unablässigen Fluss von Logos, Marken, Werbesprüchen und Werbesongs, die unsere Straßen überfluten, in unsere Heime eindringen und auf unseren Bildschirmen flimmern? Wir könnten eine Gegenoffensive auf der inhaltlichen Ebene starten: einzelne Werbekampagnen angreifen, wenn sie die Grenze des Anstands überschreiten und betrügerisch, gewalttätig oder übermäßig sexuell werden. Aber dieser Ansatz ist wie wenn man mit einem Taschentuch eine Ölkatastrophe bereinigen wollte. Das tritt nicht der wirklichen Gefahr von Werbung entgegen - welche nicht in den einzelnen Werbebotschaften liegt, sondern in dem Schaden, der unserer mentalen Ökologie zugefügt wird durch den schieren Umfang ihrer Flut.

Der erste Schritt im Vorgehen gegen Werbung ist, aufzuhören, es als eine Form von kommerzialisierter Kommunikation anzusehen, und anzufangen sie als eine Art von Verschmutzung zu sehen. Denken Sie an die langfristigen mentalen Folgen des Sehens eines Nikespots dutzende Mal am Tag, von der Geburt an bis zum Tod, zum Beispiel, oder ob es vielleicht die Psyche beschädigt immer wieder den patriarchalischen Bildern von "American Apparel" ausgesetzt zu sein. Solche Fragen zielen ins Herz von Werbung und führen uns zur mentalen Umweltschutzbewegung.

Die Sorge über den kumulativen psycho-sozialen Effekt von Werbung ist so alt wie die Werbung selbst. Der französische Romancier Emile Zola, um ein namhaftes frühes Beispiel zu nennen, schrieb vielleicht die erste Kurzgeschichte des mentalen Umweltaktivismus, Tod durch Werbung, im Jahre 1866. Er kam 1883 zurück auf das Thema mit dem gefeierten Roman "Au Bonheur des Dames", ein tiefgehender Blick auf die Rolle der Werbung beim Auslösen einer Haltung des Konsumdenkens. Das ganze nächste Jahrhundert hindurch tauchten Gefühle des mentalen Umweltaktivismus an unerwarteten Stellen auf, wie zum Beispiel in Susan Sonntags Essay von 1977 "Über Photographie" wo sie schreibt, dass "industrielle Gesellschaften ihre Bürger in Bilder-Junkies verwandeln; es ist die unwiderstehlichste Form von mentaler Verschmutzung".

Wenn auch immer eine verstreute Bewegung, hat seit 1989 "Adbusters: the Journal of the Mental Environment" als ihr Zentrum gedient, und viele der wichtigsten Dokumente der mentalen Umweltschutzbewegung sind auf diesen Seiten erschienen. Eine Schlüsselformulierung war Bill McKribbens Artikel in Adbusters Nr. 38, in dem er erklärt, dass "mentaler Umweltschutz vielleicht der wichtigste Begriff dieses neuen Jahrhunderts ist" Aber es war Kalle Lasns wegweisendes Buch dickes Manifesto von 1999, "Culture Jam", welches nicht nur die mental-umweltschützerische Kritik in voller Länge anbot, sondern sie zu einer Formel für revolutionären sozialen Wandel erhöhte. "Wir werden die Popkultur Verkäufer stören, und ihre Bildfabriken zu einem plötzlichen, schaudernden Anhalten zwingen." Lasn erklärte, "Auf den Trümmern einer alten Kultur werden wir eine neue aufbauen, mit nicht-kommerziellem Herz-und-Seele."

Seit Zola jedoch steckte die mentale Umweltschutzbewegung in einem philosophischen Morast fest. Zu behaupten, dass Werbung mentale Umweltverschmutzung ist, ist eine Sache, nämlich eine leicht beiseite zu wischende Sprachblüte. Zu sagen, dass Werbung buchstäblich eine Art der Verschmutzung ist und dass Fernsehwerbung und Autobahnwerbeflächen näher verwandt sind mit giftigem Klärschlamm als mit Sprache ist eine völlig andere Sache. Und während mentale Umweltschützer immer versucht haben, das letztere Argument geltend zu machen, waren sie doch häufiger gezwungen sich auf ersteres zurückzuziehen. Wo ist der Nachweis, dass Werbung eine Art von Verschmutzung ist? Ist es nicht offensichtlich, dass ein Konzernslogan nichts anderes ist als glorifizierende, kommerzialisierte Sprache?

In das Gebiet dieser Fragestellung hat sich einer der größten lebenden Philosophen begeben, der exzentrische Michel Serres, der das philosophische Erstlingswerk der mentalen Umweltschutzbewegung geschrieben hat. "Malfeasance: Appropriation through Pollution?" (etwa: Fehlverhalten: Aneignung durch Verschmutzung?) ist eine radikale Neubestimmung von Verschmutzung, die ihre primäre Beziehung zur Werbung zementiert. Die große Idee dieses kürzlich übersetzten Buches ist, dass Tiere, einschließlich des Menschen, Territorium durch Besudelung beanspruchen und sich aneignen, und dass mit der Zeit dieser aneignende Akt sich weg von der primitiven Verschmutzung, Urin und Kot, zu "harter Verschmutzung", industriellen Chemikalien, und schließlich zu "weicher Verschmutzung," den vielen Arten von Werbung, entwickelt hat.

"Lasst uns zwei Dinge definieren und sie klar von einander unterscheiden," schreibt Michel Serres, "zuerst die Harten [Verschmutzungen], und zweitens das Weiche. Mit dem ersten meine ich auf der einen Seite feste Ablagerungen, Flüssiges, Gase, emittiert überall in der Atmosphäre durch große Konzerne oder gigantische Müllhalden, die beschämende Signatur von Großstädten. Mit dem zweiten Tsunamis von Geschriebenem, Zeichen, Bildern und Logos, die ländliche, bürgerliche, öffentliche Räume sowie Landschaften mit ihrer Werbung überfluten. Wenn auch unterschiedlich im Bezug auf Energieverbrauch, Müll und Markierungen, sind sie doch Ergebnis der gleichen verschmutzenden Geste, und sind tierischen Ursprungs.

Michel Serres ist der erste, der den mentalen Umweltschutz philosophisch auf eine vereinheitlichte Theorie von Verschmutzung gründet, die erklärt, wie Werbung tatsächlich eine Art von industrieller Verschmutzung darstellt. Bislang haben mentale Umweltschützer das zentrale Problem umgangen und Zolas Kritikpunkt aufgegriffen, dass Werbung tadelnswert ist, wegen ihrer Rolle darin, uns in Konsumenten zu verwandeln. "Die kommerziellen Medien sind für die mentale Umwelt das, was Fabriken für die physische Umwelt sind," schrieben Kalle Lasn und ich Adbusters Nr. 90. "Eine Fabrik pumpt Verschmutzung ins Wasser, oder die Luft, weil dies die effizienteste Art ist, Plastik, Zellstoff oder Stahl herzustellen. Eine Fernsehstation oder Website verschmutzt die kulturelle Umgebung weil das die effizienteste Art ist, Publikum herzustellen." Auch wenn dieses Argument zu Zolas Zeiten stimmte und auch heute wahr bleibt - und auch Serres bringt einen ähnlichen Punkt in seinem Buch - hat Serres etwas noch grundlegenderes getan. Durch das Schließen der Lücke zwischen physischen und mentalen Giften hat Serres die Lücke zwischen mentaler und physischer Ökologie geschlossen.

Betrachten Sie wie in dem folgenden Zitat von Serres die Kritik der Werbung viszeral mitschwingt, wenn die Beziehung zwischen Werbung und Verschmutzung nicht bloße Metapher ist. "Der Kapitän, der Abfallstoffe auf hoher See ablässt, hat nie gesehen, oder besser, hat nie zugelassen, wie hervortreten die zahllos lächelnden Götter; das wäre zu anspruchsvoll, oder sogar kreativ. Er, der auf die Welt scheißt, hat er je ihre Schönheit gesehen? Hat er je seine eigene Schönheit gesehen? Und so verbirgt er, der Raum verschmutzt mit Reklamewänden voller Sätze und Bilder, die Aussicht auf die umgebenden Landschaften, tötet Wahrnehmung und spießt sie auf, durch diesen Diebstahl. Zuerst die Landschaft und dann die Welt."

Die Erde wird von Konzernen beansprucht. Ob es durch die Aneignung des Ozeans mit ihren Ölkatastrophen ist, oder durch belegen des öffentlichen Raums mit ihren Werbungen, so benutzen Konzerne harte und weiche Verschmutzung um zu stehlen, was uns gehört. In diesem Lichte gesehen, ist der Kampf gegen die Werbung der bestimmende Kampf unserer Ära, ein vereinigender Konflikt um zu verhindern, dass eine legale Fiktion sich des gemeinsamen Erbes aller Wesen bemächtigt.

Der Einsatz ist hoch. Im Bewusstsein des Ernstes der Situation mahnt Serres uns zum Handeln, zu dramatischer sozial-revolutionärer Aktion im Sinne mentalen Umweltschutzes.

"Ich leide so sehr darunter, dass ich es immer und immer wieder sagen muss und ich proklamiere es überall; Wie können wir nicht weinen vor Horror und Ekel, konfrontiert mit der Zerstörung unserer einstmals liebenswürdigen ländlichen Zugangsstraßen zu den Städten Frankreichs? Firmen füllen den Raum nun aus mit ihren abscheulichen Marken, und führen die gleiche rasende Schlacht, wie die Dschungelspezies, um sich den öffentlichen Raum und Aufmerksamkeit anzueignen mit Bildern und Worten, wie Tiere mit ihren Schreien und ihrer Pisse. Ausgeschlossen von diesen Stadträndern, lebe ich nicht mehr dort. Sie werden von den Mächtigen heimgesucht, die auf sie scheißen, und die sie besetzen mit ihrer Hässlichkeit. Altes Europa, welche unwissende herrschende Klasse bringt dich um?"

Micah White ist leitender Redakteur bei Adbusters

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