Apocalyptic Boredom

Chris Hedges: Strategie für die Endzeit

Warum die Revolution in den USA beginnen muss.
Tyler Hicks / Redux / The New York Times

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Unruhen in Nahost, Naturkatastrophen in der Elfenbeinküste, Hungersnöte in gescheiterten Staaten wie Somalia, Extremwetterlagen und die systematische Auflösung des amerikanischen Imperiums sind keineswegs Anzeichen für einen Schritt in Richtung Freiheit und Demokratie, sondern für den katastrophalen Zusammenbruch globaler Systeme. Die Welt, wie wir sie kennen, geht dem Ende entgegen. Was nachfolgt wird weder schön noch leicht sein.

Die Konzerneliten sind pleite und haben sich als unfähig zu einem radikalen Kurswechsel oder zu einer adäquaten Reaktion auf unsere sich rasant ändernde Realität erwiesen. Dennoch verbreiten sie weiterhin die mittlerweile totgerittenen Ideen des uneingeschränkten Kapitalismus, der Globalisierung, des verschwenderischen Konsums, von einer von fossilen Brennstoffen abhängigen Wirtschaft und von endlosen Kriegen. Ihre Reaktion auf das große Auseinanderfallen ist die Behauptung, dass es selbiges nicht gäbe. Sie versuchen verzweifelt, das zum Scheitern verurteilte System des Konzernkapitalismus zu stützen. Je schlimmer es wird, umso mehr glauben sie an Zauberei und wollen auch uns dazu bringen, an Zauberei zu glauben. Dutzende Kongressabgeordnete in den USA sind der Auffassung, dass es Klimawandel nicht gibt und dass die Lehre von der Evolution Schwindel ist. Sie beten das Mantra herunter, dass die Märkte das menschliche Verhalten determinieren, obwohl der uneingeschränkte und nicht regulierte Kapitalismus die Weltwirtschaft in einen Schlaganfall getrieben hat und ca. 40 Billionen Dollar an globalem Vermögen in Luft aufgelöst hat. Die konzerngesteuerten Medien flüchten ebenso geschickt aus der Realität und zeigen endlose Mini-Dramen über Promis oder diskutieren ausgiebig über die dämlichen Äußerungen eines Donald Trump oder einer Sarah Palin. Die wirkliche Welt fällt dabei vor unseren Augen in sich zusammen und wird ignoriert.

Das todbringende Zusammentreffen von Umwelt- und wirtschaftlicher Katastrophe ist kein Zufall. Unternehmen verwandeln vom Menschen bis zur Natur alles in Gebrauchsartikel, die bis zur Erschöpfung oder bis in den Tod rücksichtslos ausgebeutet werden. Nun läuft ein Wettrennen in die Verdammnis zwischen der Vernichtung der Umwelt und dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Was passiert zuerst? Oder wird beides gleichzeitig geschehen?

Der CO2-Ausstoß steigt weiterhin exponentiell, die Polkappen schmelzen in alarmierender Geschwindigkeit, hunderte Arten sterben aus, Fischbestände werden systematisch ausgebeutet, Dürreperioden und Überschwemmungen zerstören Ackerland und menschlichen Lebensraum auf der ganzen Welt, Süßwasserquellen werden vergiftet und die große menschliche Migrationsbewegung weg von Küsten- und Wüstengebieten hat begonnen. Durch den Temperaturanstieg werden große Gebiete der Erde unbewohnbar werden. Die kontinuierliche Freisetzung großer Mengen Methan könnte den Warnungen einiger Wissenschaftler zufolge die menschliche Spezies schlicht und einfach ersticken lassen. Mit dem Angriff auf das Ökosystem, das menschliches Leben erst ermöglicht, gehen die Grausamkeit und Dummheit des unkontrollierten konzerngesteuerten Kapitalismus einher, durch den eine Weltwirtschaft bestehend aus Herren und Dienern und eine Welt, in der Millionen Menschen nicht überlebensfähig sind, entstehen.

Wir diskutieren weiterhin über Persönlichkeiten – Ronald Reagan, George W. Bush, Barack Obama oder Stephen Harper – obwohl Staatsoberhäupter und gewählte Repräsentanten mittlerweile eigentlich komplett irrelevant sind. Wirtschaftlobbyisten schreiben die Gesetzesvorlagen, Lobbyisten verabschieden sie und Lobbyisten stellen das Geld für den siegreichen Wahlkampf zur Verfügung. Lobbyisten geben Dir einen Job, wenn Du abgewählt wirst. Die eigentliche Macht liegt in den Händen einer kleinen Elite, die Konzerne managt. Der Anteil der reichsten 0,1% Amerikaner am nationalen Einkommen ist seit 1974 von 2,7 auf 12,3% gestiegen. Höchstwahrscheinlich ist jetzt jeder sechste amerikanische Arbeiter arbeitslos. 40 Millionen Amerikaner leben in Armut, und weitere zehn Millionen werden in die Kategorie “fast arm” eingeordnet. Sechs Millionen Menschen in den USA werden ihr Zuhause wegen Zwangsversteigerung und Beschlagnahmung durch die Banken verlassen müssen. Während die Massen leiden, verteilt Goldman Sachs, ein Finanzunternehmen, das mit die Hauptverantwortung für die Vernichtung von 17 Billionen Dollar an Löhnen, Sparguthaben und Wohlstand von Kleininvestoren und –aktionären trägt, fröhlich 17,5 Milliarden Dollar an Kompensationszahlungen an seine Manager, davon allein 12,6 Millionen an den Vorstandsvorsitzenden Lloyd Bankfein.

Die massive Umverteilung von Wohlstand ist geschehen, weil Gesetzgeber und öffentliche Repräsentanten im Wesentlichen gewählt wurden, um sie geschehen zu lassen. Es war keine Verschwörung. Der Prozess spielte sich in der Öffentlichkeit ab. Die Gründung einer neuen politischen Partei oder Bewegung war dafür nicht nötig. Der Prozess war das Ergebnis der Reglosigkeit unserer politischen und intellektuellen Klassen, die es angesichts steigender Machtfülle der Konzerne für persönlich profitabel hielten, ihn zu fördern oder zu ignorieren. So konnten die Armeen von Lobbyisten, die Gesetze schreiben, politische Kampagnen finanzieren und Propaganda verbreiten, die Wählerschaft umgehen.

In unserem politischen Vokabular wird weiterhin die Illusion von der partizipatorischen Demokratie gepflegt. Die Demokraten und die kanadischen Liberalen versuchen die Grausamkeit und die Ziele des Konzernstaates durch das Angebot schwacher Linderungsmittel und ihre „wir-fühlen-mit-Euch“-Sprache zu verdecken. Der Neofeudalismus wird zementiert, egal ob von Demokraten und Liberalen, die mit 100 km/h darauf zusteuern, oder von Republikanern und Konservativen, die mit 160 km/h in Richtung dieses Ziels dahinbrettern.

„Die demokratische Partei festigt bei den Machtlosen die Illusion, dass sie ihre Interessen zur Priorität machen kann, beschwichtigt so die Menschen und definiert so den Stil einer Oppositionspartei in einem umgekehrten totalitären System“, schreibt Sheldon Wolin. Demokraten und Liberale sind immer in der Lage, eine weniger schlimme Alternative anzubieten, während sie tatsächlich wenig bis nichts tun, um den Marsch Richtung Konzernkollektivismus zu vereiteln.

Im Grunde wünscht sich die amerikanische Öffentlichkeit eine gute Gesundheitsversorgung, Programme zur Schaffung von Arbeitsplätzen, gute Qualität der staatlichen Bildung und das Ende der Plünderung der US-Staatskassen durch die Wall Street. Die meisten Meinungsumfragen zeigen das. Es ist jedoch mittlerweile für die meisten Bürger in diesen Konzernstaaten unmöglich herauszufinden, was in den Machtzentren vor sich geht. Bekannte Nachrichtenmoderatoren zeigen pflichtbewusst zwei Seiten jeder Geschichte, obwohl normalerweise auf beiden Seiten gelogen wird. Der Zuschauer kann glauben, was immer er glauben will. Nichts wird wirklich näher beleuchtet oder erklärt. Die markanten Sprüche von Republikanern, Demokraten, Liberalen und Konservativen werden für bare Münze genommen. Und sobald die Fernsehscheinwerfer ausgeschaltet werden, machen sich die Politiker wieder an das Geschäft, dem Geschäft zu dienen.

Die Geschichte der Menschheit ist keine Chronik der Freiheit und der Demokratie und wird durch rücksichtsloses Vormachtstreben geprägt. Unsere Eliten haben wie alle anderen Eliten gehandelt. Sie haben clevere Mechanismen ausgearbeitet, um die Wünsche des Volkes zu blockieren, die Arbeiterschaft und in zunehmendem Maße die Mittelschicht zu entrechten, uns passiv zu halten und um uns dazu zu bringen, ihren Interessen zu dienen. Das kurze demokratische Erwachen unserer Gesellschaft wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ermöglicht durch radikale Bewegungen, Gewerkschaften und energische Presse, wurde erneut erstickt. Wir waren hypnotisiert von politischen Schattenspielen, von billigem Konsum, von Spektakeln und dem Glauben an Magie, während wir rücksichtslos entrechtet wurden.

Die Hälfte der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu ausreichend Nahrung, sauberem Wasser und keine Grundsicherheit. Seit Dezember 2008 sind dem Internationalen Währungsfonds zufolge die Nahrungsmittelpreise weltweit um 61% gestiegen. In den letzten acht Monaten ist der Weizenpreis explodiert und hat sich mehr als verdoppelt auf 8,56 Dollar pro Scheffel. Wenn Menschen die Hälfte ihres Einkommens für Nahrung ausgeben müssen, wie es bereits in Ländern wie dem Jemen, Ägypten, Tunesien, Somalia und der Elfenbeinküste der Fall ist, bringen Preisanstiege dieser Größenordnung weitreichende Unterernährung und Hunger mit sich. Aufs Jahr hochgerechnet, sind die Lebensmittelpreise in den USA in den letzten drei Monaten um fünf Prozent gestiegen. Ca. 40 Millionen Amerikaner in Armut geben 35% ihres Nettoeinkommens für Lebensmittel aus. Und da die Kosten für fossile Brennstoffe weiter steigen, der Klimawandel die Agrarproduktion weiterhin beeinträchtigt und die Weltbevölkerung und die Arbeitslosenquoten ansteigen, werden wir bald durch mehr weltweite und nationale Unruhen erschüttert werden. Krawalle um Lebensmittel und politischer Protest werden ebenso häufig sein wie Unterernährung und Hungersnöte. Verzweifelte Menschen greifen zu verzweifelten Maßnahmen, um zu überleben. Die Eliten werden den Überwachungs- und Sicherheitsstaat nutzen und versuchen, jegliche Form von abweichender öffentlicher Meinung im Keim zu ersticken.

Konzernkapitalisten und Wall Street-Spekulanten sollten die Letzten sein, die für unsere Nahrungsmittelversorgung, das soziale und politische Leben und vor allem für das gesundheitliche Versorgung kranker Kinder verantwortlich sind. Daran wird sich nichts ändern, bis wir der Gesellschaft allgemein den Rücken zuwenden, die an unseren Universitäten und in der Presse von Konzernapologeten verbreiteten Glaubensgrundsätze verurteilen und unseren Widerstand gegen den Unternehmerstaat von Grund auf entwickeln. Es wird nicht einfach sein. Es wird lange dauern. Und wir werden den Status als sozial und politisch Ausgestoßene akzeptieren müssen, insbesondere weil die wahnwitzigen Bewegungen am Rand unseres politischen Establishments mit sich verschärfender Krise immer mächtiger werden. Der Konzernstaat kann links und rechts nichts außer Angst bieten. Er benutzt Angst, um die Bevölkerung zu passiven Komplizen zu machen. Und es wird sich nichts wirklich ändern, solange wir weiterhin Angst haben oder glauben, dass die formal bestehenden Machtmechanismen eine wirkliche Reform ermöglichen könnten.

Schriftsteller wie John Ralston Saul haben darauf hingewiesen, dass es egal ist, dass sich jedes im Rahmen der Globalisierung gemachte Versprechen als Lüge herausgestellt hat. Es ist egal, dass sich wirtschaftliche Ungleichheit verschlimmert hat und dass ein Großteil des Weltvermögens in wenigen Händen liegt. Es ist egal, dass sich die Mittelklasse als treibende Kraft jeder Demokratie langsam auflöst und dass die Rechte und Löhne der Arbeiterklasse einhergehend mit der Auflösung von Arbeitsgesetzen, dem mangelnden Schutz unserer Produktionsbasis und der Zerschlagung von Gewerkschaften stark reduziert worden sind. Es ist egal, dass Konzerne die Abschaffung von Handelsbarrieren als Möglichkeit zur massiven Steuerhinterziehung genutzt haben, was es z.B. Konglomeraten wie General Electric oder der Bank of America ermöglicht, keinerlei Steuern zahlen zu müssen. Es ist egal, dass Konzerne das Ökosystem für den Profit ausbeuten und vernichten. Das stetige Bombardement mit durch Konzernpropaganda verbreiteten Illusionen, in denen Worte oft durch Musik und Bilder ersetzt werden, ist undurchdringlich für die Wahrheit. Der Glaube an den Markt ersetzt für viele den Glauben an einen allgegenwärtigen Gott. Andersgläubige werden als Ketzer gebrandmarkt.

Der Konzernstaat hat nicht das Ziel, die Massen zu ernähren oder mit Kleidung und Wohnraum zu versorgen, sondern alle wirtschaftliche, soziale und politische Macht in die Hände der kleinen Konzerneliten zu bringen. Das Ziel ist, eine Welt zu erschaffen, in der Aufsichtsratsvorsitzende 900000 Dollar pro Stunde verdienen und Familien, in denen beide Elternteile zwei Jobs haben, ums Überleben kämpfen. Die Elite erreicht das Ziel, mehr und mehr Profit zu machen durch die Schwächung und den Abbau von Regierungsbehörden und die Übernahme oder Vernichtung öffentlicher Einrichtungen. Durch gekaufte Schulen, Söldnerarmeen, eine profitorientierte Gesundheitsversicherungsindustrie und das Auslagern jeglicher Art von Regierungsarbeit von Büroarbeiten bis hin zum Geheimdienst werden die Konzernbiester weiterhin auf unsere Kosten gemästet. Die Entmachtung der Gewerkschaften, die Mutation von Bildung zu stupider Berufsvorbereitung und die Beschneidung sozialer Dienstleistungen machen uns mehr und mehr zu Sklaven der Launen der Konzerne. Das Konzept des Gemeinwohls wird durch das Eindringen von Konzernen in den öffentlichen Raum zerstört. Es gibt keine Trennlinie mehr zwischen privaten und öffentlichen Interessen. So entsteht eine von bloßem Eigeninteresse definierte Welt.

Viele von uns lassen sich von kindischem heiterem Geplauder verführen. Wer will schon hören, dass wir keineswegs in ein glückliches Paradies voller Konsum und Wohlstand für alle unterwegs sind, sondern in die Katastrophe steuern? Wer will sich schon einer Zukunft stellen, in der durch die Raub- und Habgier der Eliten, die es nicht geschafft haben, unseren Planeten zu schützen, weitverbreitet Anarchie, Hungersnöte, Umweltkatastrophen, Atomterrorismus und Kriege um schwindende Ressourcen drohen? Wer will den Mythos zerschlagen, dass sich die menschliche Spezies moralisch weiterentwickelt, weiterhin fröhlich nicht erneuerbare Rohstoffe ausbeuten kann und das hedonistische Konsumniveau aufrechterhalten kann, den Mythos, dass die Expansion des Kapitalismus ewig und endlos weitergehen wird?

Aussterbende Zivilisationen haben Hoffnung, sogar absurde Hoffnung, lieber als die Wahrheit. So lässt sich das Leben leichter ertragen. So kann man sich von den bevorstehenden harten Entscheidungen abwenden und in der tröstlichen Gewissheit schwelgen, dass Gott oder die Wissenschaft oder der Markt die Rettung bringen werden. Deshalb finden die Verteidiger der Globalisierung immer noch Anhänger. Und ihre Propagandamaschinerie hat ein riesiges potemkinsches Dorf zu unserer Unterhaltung aufgebaut. Die dreißig oder vierzig Millionen verarmter Amerikaner, deren Leben und deren Mühen es nur selten ins Fernsehen schaffen, bleiben unsichtbar, genau wie Milliarden armer Menschen weltweit, die in stinkenden Slums zusammengepfercht sind. Wir sehen die Menschen nicht, die sterben, weil sie kontaminiertes Wasser trinken oder sich keine medizinische Versorgung leisten können. Wir sehen die Menschen nicht, deren Häuser zwangsversteigert werden. Wir sehen die Kinder nicht, die hungrig ins Bett gehen. Wir beschäftigen uns mit dem Absurden.

Das Spiel ist vorbei. Wir haben verloren. Der Konzernstaat wird unerbittlich weitermachen, bis zwei Drittel der Bevölkerung des Landes und der ganzen Welt permanent in einer verzweifelten und ausweglosen Unterschicht leben müssen. Die meisten von uns werden um ihren Lebensunterhalt kämpfen, während die Blankfeins und politischen Eliten in Dekadenz und Gier wie einst in der Verbotenen Stadt und Versailles schwelgen. Diese Eliten haben keine Vision. Sie kennen nur ein Wort: mehr. Sie werden die Nation, die Weltwirtschaft und die Ökosysteme weiter ausbeuten. Sie werden ihr Geld nutzen, um sich in eingezäunten Wohnanlagen zu verstecken, wenn alles zusammenbricht. Wir dürfen nicht erwarten, dass sie sich um uns kümmern, wenn die Auflösung beginnt. Wir werden uns um uns selbst kümmern müssen. Wir werden schleunigst kleine, klosterähnliche Gemeinschaften gründen müssen, in denen wir uns selbst versorgen und ernähren können. Es wird an uns liegen, die intellektuellen, moralischen und kulturellen Werte zu bewahren, die der Konzernstaat auszulöschen versuchte. Entweder das, oder wir werden zu Drohnen und Sklaven in einer weltweiten konzerngesteuerten Dystopie. Das sind nicht viele Wahlmöglichkeiten. Aber immerhin besteht noch eine.

Chris Hedges ist Autor, hat bereits den Pulitzer-Preis gewonnen und ist ehemaliger Auslandskorrespondent der New York Times. Sein neuestes Buch heißt The World As It Is: Dispatches on the Myth of Human Progress.

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