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Die Heilige Scheiße

Jeden Tag vollziehen wir eine entweihende Geste des Todes.
Daniel Pietzsch.

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Ein Mensch sollte nur einen halben Meter, oder zwei Fuß, unter der Oberfläche begraben werden. Dann sollte dort ein Baum gepflanzt werden. Er sollte in einem Sarg der sich zersetzt beerdigt werden, so dass, wenn du einen Baum oben drauf pflanzt, der Baum etwas von seiner Substanz nehmen wird und es in Baum-Substanz umwandeln wird. Wenn du das Grab besuchst, dann besuchst du keinen toten Mann, du besuchst ein lebendes Wesen, das nur in einen Baum transformiert wurde.

Du sagst, "Dies ist mein Großvater, der Baum wächst gut, fantastisch." Du kannst einen schönen Wald entwickeln, der schöner sein wird als ein normaler Wald, weil die Bäume ihre Wurzeln in Gräbern haben. Es wird ein Park sein, ein Platz für Spaß, ein Platz zum Leben, sogar ein Platz zum Jagen.

Es hat Millionen Jahre gebraucht bis die Vegetation den Schlamm und die giftigen Substanzen mit einer Schicht Humus bedeckten, einer Schicht Vegetation und eine Schicht Sauerstoff, so dass Menschen auf der Erde leben können.

Und nun bringen die undankbaren Menschen den Schlamm und die giftigen Substanzen – welche durch langwierige kosmische Anstrengungen bedeckt worden waren – zurück an die Oberfläche.

Auf diese Weise wird, durch die Missetaten der unverantwortlichen menschlichen Rasse, das Ende der Welt der Anfang aller Zeit. Wir begehen Selbstmord. Unsere Städte sind Karzinome. Wir essen nicht was in unserer Nähe wächst – wir importieren Essen von weither, aus Afrika, Amerika, China und Neuseeland.

Wir behalten unsere Scheiße nicht. Und Müll, unser Abfall wird weit weg gespült. Wir vergiften Flüsse, Seen und Ozeane damit, oder wir transportieren ihn zu komplizierten und teuren Reinigungsanlagen, oder - seltener - in zentrale Kompostierungsanlagen. In anderen Fällen wird unser Abfall zerstört. Die Scheiße kehrt nie auf unsere Felder zurück, und sie kehrt auch nicht dorthin zurück, wo unser Essen her kommt.

Der Zyklus durch den Essen Scheiße wird funktioniert.
Der Zyklus durch den Scheiße Essen wird ist kaputt.

Wann immer wir unsere Toilettenspülung betätigen, mit der Überzeugung, dass wir einen Akt der Hygiene vollziehen, brechen wir kosmische Gesetze, weil es in Wirklichkeit eine gottlose Handlung ist, eine frevlerische Geste der Todes.

Wenn wir zur Toilette gehen, sie von innen abschließen und unsere Scheiße wegspülen, versuchen wir etwas zu beenden. Wofür schämen wir uns? Wovor fürchten wir uns? Wir verdrängen, was mit unserer Scheiße passiert, genauso wie wir den Tod verdrängen. Das Loch in der Toilette erscheint uns wie das Tor zum Tod; wir versuchen so schnell wie möglich von dort weg zu kommen, so

schnell wie möglich das Verrotten und den Verfall zu vergessen. Obwohl es doch genau umgekehrt ist! Es ist die Scheiße, mit der das Leben beginnt.

Friedensreich Hundertwasser war ein österreichischer Maler und Architekt, bekannt für seine frischen und verblüffenden Einsichten.

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