The Big Ideas of 2011

Ökologischer Realismus

„Die Wissenschaft”, so wurde uns versprochen, würde all unsere Umweltprobleme lösen.
Armando Alvarez

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Das Wirtschaftswachstum, das eigentlich Wohlstand und Wohlergehen für jeden garantieren sollte, hat Bedürfnisse schneller entstehen lassen, als es sie befriedigen konnte und nun stecken wir in einer Reihe von Sackgassen nicht nur wirtschaftlicher Natur fest. Das kapitalistische Wachstum ist nicht nur in der Krise, weil es kapitalistisch ist, sondern auch, weil es an seine natürlichen Grenzen stößt.

Es ist unmöglich, auch nur eines der Probleme, die die aktuelle Krise verursacht haben, zu lindern. Der besondere Charakter dieser Krise besteht darin, dass sie durch jeden nachfolgenden und nur teilweise nachvollziehbaren Lösungsversuch der mit ihr verbundenen Probleme verschlimmert werden wird.

Obwohl sie alle Merkmale einer klassischen Krise wegen Überproduktion hat, hat die aktuelle Krise einige neue von nur wenigen Marxisten antizipierte Dimensionen, so dass man ihr nicht adäquat mit dem, was man bisher unter “Sozialismus” verstand, begegnen kann. Es ist eine Krise in den Beziehungen zwischen Individuen und dem wirtschaftlichen Sektor, eine Krise in der Art zu arbeiten, in unseren Beziehungen zur Natur, zu unserem Körper, zu unserer Sexualität, zur Gesellschaft, zu zukünftigen Generationen, zur Geschichte, zum Stadtleben, zu unserem Lebensraum, zur Medizin, zur Bildung, zur Wissenschaft.

Wir wissen, dass unsere gegenwärtige Lebensweise keine Zukunft hat. Die Kinder, die wir in die Welt setzen, werden als Erwachsene weder Erdöl noch bisher alltäglich gebrauchte Metalle nutzen können. Wenn die aktuellen Atomprogramme umgesetzt werden, werden auch die Uranvorräte bis dahin aufgebraucht sein.

Wir wissen, dass unsere Welt zu Ende geht und dass, wenn wir weitermachen wie bisher, Ozeane und Flüsse tot sein werden, der Boden unfruchtbar sein wird, die Luft in manchen Städten bald nicht mehr eingeatmet werden kann und dass Leben an sich zum Privileg werden wird, reserviert für ausgesuchte Exemplare einer neuen Art Mensch, die durch chemische Konditionierung und genetische Umprogrammierung an das Überleben in einer neuartigen ökologischen Nische angepasst wurden, die durch Biotechnologie geschaffen und erhalten wird.

Wir wissen, dass sich die Industriegesellschaft über einhundertfünfzig Jahre auf der Basis einer immer schnelleren Ausbeutung von über Jahrmillionen entstandenen natürlichen Rohstoffen weiterentwickelt hat und wir wissen, dass bis vor Kurzem noch alle Wirtschaftswissenschaftler, seien sie klassisch oder marxistisch, Fragen nach der langfristigen Zukunft – des Planeten, der Biosphäre, der Zivilisationen – als irrelevant oder “reaktionär” zurückgewiesen haben. “Auf lange Sicht werden wir alle sterben,” sagte Keynes und machte so auf ironische Weise deutlich, dass der zeitliche Horizont eines Wirtschaftswissenschaftlers nicht über nächsten 10 oder 20 Jahre hinausgehen sollte. “Die Wissenschaft,” wurde uns garantiert, werde neue Wege finden und Ingenieure würden heute noch unvorstellbare Prozesse entwickeln.

Wissenschaft und Technik haben nun eine gemeinsame wichtige Erkenntnis gewonnen: Jegliche Art von Produktion hängt von der Ausbeutung der begrenzten Ressourcen unseres Planeten ab und davon, Kompensationsstrategien innerhalb eines zerbrechlichen Systems voller vielfältiger Gleichgewichte zu organisieren.

Es geht hier nicht um die Vergöttlichung der Natur oder um das Prinzip „zurück zur Natur“ sondern darum, eine einfache Tatsache zu berücksichtigen: Menschliche Aktivität hat durch Natur bestimmte äußerste Grenzen. Respektiert man diese Grenzen nicht, löst man eine Gegenreaktion aus, deren Auswirkungen wir bereits auf bestimmten und bisher unverstandenen Wegen erleben: neue Krankheiten und neue Formen des Unwohlseins, verhaltensgestörte Kinder (nicht richtig angepasst an was eigentlich?), sinkende Lebenserwartung, abnehmendes körperliches Leistungsvermögen und wirtschaftliche Entlohnung sowie verringerte Lebensqualität bei gleichzeitig steigendem materiellem Konsum.

Die Antwort der Wirtschaftswissenschaft darauf bestand bisher im Wesentlichen darin, all die als “utopisch” oder “unverantwortlich” abzutun, die die Aufmerksamkeit auf diese Symptome der Krise in unserer grundlegenden Beziehung zum natürlichen Umfeld gelenkt haben, in der jegliche wirtschaftliche Aktivität verwurzelt ist. Das wagemutigste Konzept, dass die moderne politische Wirtschaft anzuvisieren wagte, war dass des „Nullwachstums“ des tatsächlichen Konsums. Nur ein Wirtschaftswissenschaftler, Nicholas Georgescu-Roegen, besaß die Intelligenz, zu erkennen, dass der kontinuierliche Konsum seltener Ressourcen sogar bei Nullwachstum unvermeidlich zu deren vollständiger Ausbeutung führen wird. Es geht nicht darum, mehr Konsum zu vermeiden, sondern darum, weniger zu konsumieren – es gibt keinen anderen Weg, die verfügbaren Ressourcen für zukünftige Generationen zu erhalten.

Darum geht es beim ökologischen Realismus.

Der Standardvorwurf besteht darin, dass jede Anstrengung, den Wachstumsprozess zu stoppen oder zu beschränken, existierende Ungerechtigkeit bewahren oder gar verschlimmern wird und zur Verschlimmerung der materiellen Verhältnisse der bereits Armen führen wird. Doch es ist falsch, zu glauben, dass Wachstum Ungerechtigkeit verringert – Statistiken zeigen, dass das komplette Gegenteil der Fall ist. Man kann einwenden, dass sich diese Statistiken nur auf kapitalistische Länder beziehen und dass Sozialismus zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen würde, aber warum sollte es dann nötig sein, mehr und mehr Dinge zu produzieren? Wäre es nicht vernünftiger, verfügbare Ressourcen effizienter zu nutzen, manche Dinge auf andere Weise zu produzieren, Müll zu vermeiden, es abzulehnen, gemeinsam Güter zu produzieren, die so teuer sind, dass sie nie für alle erschwinglich sein werden oder so belastend und umweltschädlich, dass – sobald sie für die Allgemeinheit produziert werden – ihre Produktionskosten ihre Vorteile weit übersteigen und auf diese Art und Weise die Lebensbedingungen und die Lebensqualität aller zu steigern?

Wer es radikal ablehnt, die Frage zu stellen, ob es Gerechtigkeit ohne Wachstum geben kann, zeigt lediglich, dass “Sozialismus” für ihn/sie nur eine Weiterführung des Kapitalismus mit anderen Mitteln ist – eine Ausweitung der Werte der Mittelklasse, ihrer Lebensweise und sozialen Verhaltensweisen, die die aufgeklärteren Vertreter dieser sozialen Klasse unter dem Druck ihrer Söhne und Töchter bereits abzulehnen beginnen.

Ein Mangel an Realismus besteht heutzutage nicht mehr darin, die Idee vom größeren Wohlbefinden durch die Abkehr vom Wachstum und vom vorherrschenden Lebensstil zu unterstützen. Ein Mangel an Realismus besteht, wenn man immer noch an die Idee glaubt, dass Wirtschaftswachstum mehr menschliches Wohlbefinden bedeutet – obwohl dies immer noch tatsächlich möglich ist.

André Gorz, Auszug aus Ecology as Politics. Gorz ist ein französischer Philosoph und Journalist. 1983 wollte er die Opposition gegen die Stationierung von Raketen in Westdeutschland durch die USA nicht unterstützen und tadelte die pazifistischen Bewegungen, deren Meinung er vorher geteilt hatte.

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