TAKTISCHES BRIEFING #19

Unser existentieller Moment.

Mark Tansey, Myth of Depth

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Hey Verhinderer, Träumer, Glaubende,

Hier ein Erfahrungsbericht aus den Straßen von New York:

„Ich hab´ meine Sachen inklusive Laptopkabel bei der Zwangsräumung des Camps verloren, jemand oder etwas hat mein Bankkonto leergeräumt und es regnet. Ich könnte einfach einen Countrysong schreiben. Aber ich sage Euch: die Entschlossenheit ist immer noch da. Die Leute, mit denen ich spreche, legen eine gesunde Mischung aus Wut, Humor, Entschlossenheit und Aufgeregtheit an den Tag. Erschöpfung auch. Vielleicht war die Razzia das Beste, was passieren konnte? Ich bin besorgt, da Menschen nun unvermeidlich in der Kälte leiden werden müssen und dies als Vorwand benutzt werden wird, jedes weitere Camp zu räumen. Aber es muss etwas wie eine Bücherei oder eine Suppenküche geben, ein physisches Herz. Bald mehr. Muss mir Geld verschaffen und mein Telefon aufladen. Endlich siegen wir, endlich siegen wir, danke, Allmächtiger Gott, endlich siegen wir …“

Unsere Bewegung durchlebt gerade einen existentiellen Alles-oder-Nichts-Moment.

Aus einer taktischen Perspektive betrachtet:

Als sich Tunesien erhob, spottete Ben Ali darüber … als junge Leute den Tahrir-Platz besetzten, griff Mubarak zu Bevormundung und zu einem Mob der Gewalt… in Syrien feuern Assads Truppen täglich in die Menschenmengen. Und am Dienstag fand mitten in der Nacht ein militärähnlicher Angriff auf den Zucotti Park, das geistige Zentrum unserer Bewegung, statt – mit Nachrichtensperre, Tränengas, Sperrung des Luftraums und einer LRAD-Schallkanone.

Viele Wochen lang lebten wir wie in einer Zauberwelt … wir waren moralisch im Recht… hielten verbissen an den Prinzipien Gandhis fest und verblüfften die zynische Welt durch unseren optimismus, unseren Freundschaftsgeist, unsere Gewaltlosigkeit und unserer Entschlossenheit, eine andere Zukunft zu erfinden. Mit nur wenig mehr als Fingergesten, Mikrofonchecks, gegenseitigem Respekt und Hoffnung auf eine bessere Zukunft entfachten wir ein Momentum der globalen Demokratie, wie es die Welt seit 1968 nicht mehr erlebt hatte.

Doch New Yorks milliardenschwerer Bürgermeister entschied, uns zu vertreiben. Wir wünschten uns einen Tahrir-Moment, ein amerikanisches Frühlingserwachen und er griff uns mitten in der Nacht im Schlaf an. Diese Art Attacken auf friedliche Demonstranten haben in Tunesien und Ägypten nicht funktioniert, sie funktionieren momentan auch nicht in Syrien und – aufwachen, Bloomberg & Co! – sie werden auch nicht in den USA funktionieren.

Dieser Angriff hat unsere Entschlossenheit verstärkt. Nun beginnt die zweite, tiefgehende, besonnene, militante Phase unseres gewaltlosen Marsches in Richtung wahre Demokratie. Wir ordnen uns neu, lecken unsere Wunden und unser Gegenangriff startet schon morgen.

Wir werden diesen Winter als Trainingscamp nutzen, um präzise Möglichkeiten des Ungehorsams zu erörtern – Flashmobs, Stinkbomben, kantige Theatralik – die gegen die Megakonzerne und die reuelosen 1% gerichtet sind. Das wird ein Festival des Widerstands im Schnee und wird mit oder ohne ein Camp die taktischen Grundlagen für unsere Frühlingsoffensive erarbeiten.

Das Entscheidende ist … man kann nicht die eigene Jugend angreifen und damit davonkommen!

For the wild,
Culture Jammers HQ

Translated by the Translator Brigades[email protected]