Raoul Vaneigem

Wo als nächstes zuschlagen?

6. Mai, Paris, 1968. gewalttäige Zusammenstösse mit Studenten.

This article is available in:

Situationistisches Denken bestimmte den Pariser Frühling von 1968; ein spontaner Aufstand der beinahe die französische Regierung stürzte und drohte in einen globalen Aufstand von Innen gegen den Kapitalismus auszubrechen. Im Protest gegen Entfremdung, Ungleichheit und Zuschauergesellschaft, füllten Slogans wie „Langeweile ist Konterrevolution“ und „Lauf, Genosse, die alte Welt ist hinter dir her!“ die Münder und die Lieder von Millionen die in ihrem Kern in offener Revolte gegen die Forderungen der Konsumgesellschaft standen. Raoul Vaneigem war ein Mitglied der Situationistischen Internationale von 1961 bis 1970 und der Autor von mehr als 30 Büchern und ein Schlüsseldenker der Bewegung. Er war 1968 auf den Strassen und gibt Interviewer Siné Mensuel seine Gedanken preis zum Hier und Jetzt.

Siné Mensuel: Können Sie eine kurze Definition der Situationisten geben?

Raoul Vaneigem: Nein. Das Lebendige ist nicht reduzierbar auf Definitionen. Die Vitalität und Radikalität der Situationisten entwickelt sich weiter hinter den Kulissen eines Schauspiels das allen Grund hat sich ruhig zu verhalten und sich zu verbergen. Andererseits wurde diese Radikalität in einer oberflächlichen Aufwallung einer ideologischen Rückeroberung unterworfen, aber ihre Interessen haben nichts mit meinen gemein.

Siné Mensuel: Was meinte "der Situs" als sie davon sprachen, dass Situationismus nicht existiert?

Raoul Vaneigem: Die Situationisten sind Ideologien gegenüber immer feindlich gewesen, und von Situationismus zu sprechen, hieße, dort eine Ideologie zu platzieren, wo es keine gibt.

Siné Mensuel: Warum brachen Sie 1970 mit der Situationistischen Internationale? Im Nachhinein, was denken Sie über Guy Debord?

Raoul Vaneigem: Ich brach damit weil die Radikalität die im Mai 1968 Priorität gewesen war, dabei war sich in bürokratischen Verhaltensweisen aufzulösen. Jedes Mitglied hatte entschieden diesen Weg allein zu verfolgen oder das Projekt einer selbstregulierten Gesellschaft aufzugeben. Vielleicht spürten Debord und ich eher Komplizität als Zuneigung, aber diese Spaltung spielt keine Rolle! Was aufrichtig gelebt wird, geht nie verloren! Der Rest sind nur die Überreste von Vergeblichkeit.

Siné Mensuel: Wie sehen Sie die Bewegung der Empörten (Indignados)?[1]

Raoul Vaneigem: Es ist eine öffentliche Schutzreaktion gegen die Resignation und die Angst, die die Tyrannei des Kapitalismus am besten unterstützt. Aber Empörung ist nicht genug. Es geht weniger darum gegen ein System zu kämpfen, das dabei ist zusammen zu brechen, als für neue soziale Strukturen, die auf direkter Demokratie beruhen. Während der Staat öffentliche Dienste zerstört, kann nur eine sich selbst regulierende Bewegung die Sorge für das Wohlbefinden von allen übernehmen.

Siné Mensuel: Steht Utopismus noch auf der Tagesordnung?

Raoul Vaneigem: Utopismus? Von jetzt an ist das die Hölle der Vergangenheit. Wir sind immer genötigt gewesen an einem Ort zu leben, der überall ist, aber an diesem Ort, wo wir nirgendwo sind. Das ist die Realität unseres Exils. Es ist uns aufgezwungen worden für tausende von Jahren durch eine Wirtschaft, die auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht. Die Humanistische Ideologie hat uns glauben lassen, dass wir Menschen sind, während wir größtenteils auf den Status von Tieren reduziert bleiben, dessen räuberische Instinkte durch den Willen nach Macht und Aneignung befriedigt werden. Unser Schleier von Tränen wurde als beste aller möglichen Welten angesehen. Hätten wir eine Art zu leben erfinden können, die phantasmagorischer und absurder ist als die allmächtige Grausamkeit der Götter, die Kaste von Priestern und Prinzen, die über versklavte Völker herrschen, die Verpflichtung zu arbeiten, die angeblich Freude garantiert und das stalinistische Paradies begründet, das tausendjährige Dritte Reich, die Maoistische Kulturrevolution, die Gesellschaft der Wohlfahrt (den Wohlfahrtsstaat[2]), den Totalitarismus des Geldes jenseits dessen es weder Individuum noch soziale Sicherheit gibt, [und] schließlich die Idee dass Überleben alles ist und Leben nichts? Gegen diese Utopie, welche als Realität gilt, steht nur die einzige Realität die zählt: Was versuchen zu leben indem wir uns unseres Glücks versichern und dessen von allen anderen. Von jetzt an sind wir nicht mehr in einer Utopie, sondern im Herzen einer Mutation, einer Veränderung der Zivilisation die Form annimmt vor unseren Augen und die viele Menschen, geblendet durch den vorherrschenden Obskurantismus, nicht wahrnehmen können. Weil das Profitstreben Menschen zu räuberischen, unempfindlichen und dummen Rohlingen macht.

Siné Mensuel: Erklären Sie uns, wie das Kostenlose, in Ihrem Sinne, der erste entschiedene Schritt zum Ende des Geldes ist.

Raoul Vaneigem: Geld wird nicht einfach entwertet ([vermindert] die Kaufkraft beweist es); es investiert sich so ungehemmt in die Blase der Aktienmarkt Spekulation, sodass es dazu verdammt ist zu implodieren. Der Tornado des kurzfristigen Profits zerstört alles auf seinem Weg; Er sterilisiert die Erde und erschwert das Leben, um nutzlose Profite zu extrahieren. Menschlich wahrgenommen, ist das Leben inkompatibel mit der Wirtschaft, die den Menschen und die Erde ausbeutet zum Zwecke der Bereicherung. Anders als das überleben, schenkt das Leben und es schenkt sich selbst. Was kostenlos ist, ist die absolute Waffe gegen die Diktatur des Profits. In Griechenland entwickelt sich eine "Zahl nicht" Bewegung. Am Anfang weigerten sich die Autofahrer Maut zu bezahlen; sie hatten die Unterstützung eines Kollektivs von Rechtsanwälten, die den Staat verklagten, der beschuldigt wurde, die Autobahnen an private Firmen zu verkauft haben. Heute ist es eine Frage der Weigerung für öffentliche Transportmittel zu zahlen, der Forderung nach kostenloser Gesundheitsversorgung und Bildung, Der Verweigerung von Steuer- und Abgabenzahlungen, die dazu benutzt werden, die betrügerischen Banken zu retten und die Aktienbesitzer zu bereichern. Der Kampf um Spaß in einem selbst und in der Welt wird nicht mit Geld durchgeführt, sondern im Gegenteil, durch seinen absoluten Ausschluss.

Es ist absurd, dass ein Streik die Freizügigkeit von Menschen behindert, wenn er freien öffentlichen Verkehr, Gesundheitsdienst und freie Bildung beschliessen könnte. Es ist nötig, dass wir verstehen “ bevor der finanzielle Zusammenbruch kommt, stattfindet“ dass das, was kostenlos ist, die absolute Waffe des Lebens gegen die Wirtschaft ist. Es geht nicht darum, Menschen zu brechen, sondern das System zu brechen das sie ausbeutet und die Maschinen, die sie zum Bezahlen bringen.

Siné Mensuel: Sie befürworten zivilen Ungehorsam. Was heißt das für Sie?

Raoul Vaneigem: Es ist das, was in Griechenland, Spanien, Tunesien und Portugal geschieht. Es ist das, was die Überschrift eines Flugblattes das ich für unsere libertären Freunde in Thessaloniki schrieb: Der Staat ist Nichts; Wir sind Alles. Ziviler Ungehorsam ist kein Selbstzweck. Es ist die Straße zur direkten Demokratie und allgemeiner Selbstverwaltung, soll heißen, die Schaffung von Bedingungen die günstig für individelles und kollektives Glück sind.

Das Projekt der Selbstverwaltung beginnt seine Verwirklichung wenn eine Versammlung sich entschließt, den Staat zu ignorieren und, aus eigener Initiative heraus, die Strukturen errichtet die in der Lage sind individuelle und kollektive Bedürfnisse zu erfüllen. Von 1936 bis 1939, experimentierten die libertären Kollektive von Andalusien, Aragon und Katalonien erfolgreich mit Selbstverwaltungssystemen. Die kommunistische Partei und Listers Armee zerschlugen sie, und machten so den Weg frei für Francos Truppen.

Mir scheint heute nichts wichtiger zu sein als die Implementierung von selbstverwaltenden Kollektiven, die in der Lage sind, sich zu entwickeln, wenn der Finanzkollaps das Geld verschwinden lässt und, gleichzeitig eine Art zu denken, die seit tausenden von Jahren in unser Verhalten eingepflanzt war.

Siné Mensuel: Erzählen Sie uns über Tierrechte [la cause animale], die revolutionäre Denker lange nicht berücksichtigt habe.

Raoul Vaneigem: Es ist weniger eine Frage von Tierrechten als eine Versöhnung des Menschen mit seiner irdischen Natur, die er bis heute ausgebeutet hat zum Zwecke des Gewinns. Was die Evolution des Menschen zu einer wirklichen Menschheit verhindert hat, war die Entfremdung des Körpers, der zum Arbeiten gebracht wurde, die Ausbeutung des Lebens, das in eine Produktivkraft umgewandelt wurde. Unsere übriggebliebene Animalität ist unterdrückt worden im Namen eines Geistes, der nur die Emanation einer himmlischen und zeitlichen Macht ist, die beauftragt ist, die irdische und köperliche Materie zu zähmen. Heute ist die Allianz mit natürlichen Energien dabei, die Plünderung der vitalen planetarischen Ressourcen zu ersetzen. Die Verbindung mit dem Tierreich wieder zu entdecken, heißt, sich mit dem Tier in uns zu versöhnen; es heißt es zu kultivieren anstatt es zu unterdrücken, es weg zu drücken, und seine Grausamkeiten des Dampf Ablassens zu verdammen. Unsere Menschwerdung beinhaltet das Recht des Tieres auf Respektierung seines So-Seins anzuerkennen.

Siné Mensuel: In Belgium ist Wählen obligatorisch, grundsätzlich jedenfalls. Haben Sie jemals gewählt? Zahlen sie Ordnungsstrafe?

Raoul Vaneigem: Ich wähle nie. Ich habe nie einen Bußgeldbescheid bekommen.

Siné Mensuel: Welche Lehren können gezogen werden aus diesem langen Jahr, in welchem Belgien keine Regierung gehabt hat?[3]

Raoul Vaneigem: None. Während des profitablen Schlafes der Politiker (diese 55 Regierungsminister haben keine Probleme mit ihrem Auskommen) haben die Finanzmafias weiterhin Gesetze gemacht und es geht ihnen sehr gut mit den Yes-Men unter ihrem Kommando.

Siné Mensuel: Wie sehen Sie die anhaltenden "Revolutionen" in den arabischen Ländern? scheint Ihnen der Islam eine Gefahr für sie zu sein?

Raoul Vaneigem: Wo das Soziale den Tag beherrscht, verblassen die religiösen Vorurteile. Die Freiheit, sich gegenwärtig der säkularen Tyrannei entledigt, ist nicht dazu geneigt, sich mit religiöser Tyrannei abzufinden. Der Islam wird versuchen sich zu demokratisieren und wird den gleichen Niedergang erleben wie das Christentum. Ich wertschätze den tunisischen Slogan "Freiheit zu beten, Freiheit zu trinken!"

Siné Mensuel: Am Ende bleiben Sie doch ein unverminderter Optimist, nicht wahr?

Raoul Vaneigem: Ich kann mich begnügen mit Scutenaires Formel:[4] "Pessimisten! Was habt ihr denn erwartet?" Aber ich bin kein Optimist oder Pessimist. Ich schere mich einen Dreck um Definitionen. Ich will leben indem jeden Tag neu beginnen. Es wird nötig sein, dass die Denunziation und die Zurückweisung unserer untragbaren Bedingungen Platz machen für die Ausarbeitung einer menschlichen Gesellschaft, die einen kompletten Bruch mit der Marktwirschaft vollzieht.

Ursprünglich auf Infoshop.org gepostet.

(Bemerkungen gesammelt von Jean-Pierre Bouyxou. Veröffentlicht am 24. November 2011 von Siné Mensuel. übersetzt aus dem Französischen von NOT BORED! 23. Dezember 2011. Fußnoten vom Übersetzer, außer wo angemerkt.[Aus dem Englischen von Translator Brigades])

[1] Eine Serie von spontanen Demonstrationen in Spanien, mit zehntausenden von Menschen, ab 15. Mai 2011.

[2] im Original Englisch.

[3] politisch und geographisch zweigeteilt"Flandern (Flämische Nationalisten) und Wallonien (Sozialisten)"Belgien hat keine offizielle Regierung mehr seit den Parlamentwahlen am 13. Juni 2010.

[4] Anmerkung von Siné Mensuel: der Belgische Schriftsteller Louis Scutenaire (1905-1987) ist der Autor von "Mes inscriptions". Raoul Vaneigem widmete ihm ein Buch in der „Poets Today“ Kollektion (Seghers, 1991).