American Autumn

Der Federbusch

Warum wir kämpfen müssen.
AP Photo/The Times-Picayune, Matthew Hinton

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Das Lieblingsbuch meines dreijährigen Sohnes heißt Out of the Blue. Es ist voller Farbfotos von Meerestieren, von Plankton über Clownfische bis hin zu Orcawalen. Oft treffe ich meinen Sohn morgens noch im Schlafanzug und versunken in das Buch auf dem Boden seines Zimmers an. Mein Herz bricht jedes Mal beinahe, wenn er die wunderschönen Geschöpfe, die er da sieht, beim Namen nennt. Sollten sich menschliche Verhaltensweisen nicht grundlegend ändern, werden die Ozeane dieser Welt und all die Ökosysteme, die von ihnen abhängig sind, noch zu Lebzeiten meines Sohnes zerstört.

Ich kämpfe für meine Kinder. Es geht nicht um mich, sondern um sie. Meine tiefe Verzweiflung, die ich angesichts unserer kollektiven Unfähigkeit empfinde, die bevorstehenden katastrophalen Veränderungen wahrzunehmen oder direkt zu bekämpfen, wird ausgeglichen von einem leidenschaftlichen Wunsch als Vater: ich möchte sicher sein, dass ich all meine Energie und Ausdauer auf den Widerstand gegen die todbringenden Kapitalsysteme, die Menschen und Umwelt bis zur totalen Erschöpfung oder bis zu deren Zusammenbruch ausbeuten, konzentriere. Zumindest hoffe ich, dass meine Kinder irgendwann zurückblicken werden und sehen können, dass ihr Vater nicht passiv blieb, als das globale Ökosystem im Namen des Profits zerstört wurde und als die Welt von Kapitalgesellschaften hin zu einem System umgebaut wurde, in dem ein schrecklicher neuer Feudalismus oder eine neue Art des totalitären Kapitalismus herrschte. Ich hoffe, sie werden sehen können, wie ihr Vater voller Trotz ins Gefängnis abgeführt wird. Der Grund für meinen Widerstand ist nicht Hass, sondern Liebe – Liebe für all die abartigen Dinge, die die verdorbene Kultur des Profits als bedeutungslos und sentimental bezeichnet: Kinder, Seen, Berge, Bäume und das Gezwitscher einer Amsel im Wald.

Wir können den Auswirkungen des Klimawandels nicht entkommen. Wir erleben jetzt schon verrückte Wetterlagen, Waldbrände und Tornados in manchen abgelegenen Staaten der USA, Dürreperioden und Flutkatastrophen in China, Pakistan, Bangladesch und Australien, stark steigende Temperaturen auf der ganzen Welt. Und das ist nur der Anfang. Das Schlimmste ist jedoch, dass dem in beängstigendem Ausmaße zunehmenden Tempo der globalen Erwärmung, die übrigens die Ökosysteme der Welt noch viel schneller verändert als es von den pessimistischsten Wissenschaftlern vor einigen Jahren vorhergesagt wurde, keinerlei Aufmerksamkeit und Selbsterkenntnis geschenkt wird. Die Durchschnittstemperaturen weltweit sind bereits um ein Grad Celsius gestiegen und haben eine beschleunigte Eisschmelze in der Arktis ausgelöst. Jeder Temperaturanstieg von einem Grad Celsius ist gleichbedeutend mit einer zehnprozentigen Verringerung der Ernteerträge weltweit. Selbst wenn wir jetzt alle Kohlendioxidemissionen stoppen könnten, würden die Temperaturen weiter um mindestens ein Grad, wenn nicht sogar mehr, ansteigen. Wie Sie sehen, kann uns selbst ein persönliches geistiges Erleuchtungserlebnis nicht wirklich helfen. Der abrupte Klimawandel, riesige Völkerwanderungsbewegungen, steigende Meeresspiegel, Dürreperioden und grassierende Hungersnöte sind Teil unserer schönen neuen Welt. Willkommen darin.

Durch das Zunichtemachen des unausgegorenen Klimaschutzabkommens von Kyoto haben die Haupttriebkräfte der Industrienationen es geschafft, die einzig vernünftige Option zu ignorieren und zu sabotieren, die die Menschheit vor einem Selbstopfer hätte bewahren können: ein Ende unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Das letzte Fünkchen Hoffnung auf Reform und Umkehr kann nur durch nachhaltigen zivilen Ungehorsam und offenen Widerstand gegen die bestehenden Herrschaftssysteme am Leben gehalten werden. Das bedeutet Verhaftungen. Zu dieser Schlussfolgerung gelangen viele unserer hellsichtigsten und wichtigsten Köpfe, beispielsweise Wendell Berry und Bill McKibben.

Der Versuch, das System von innen durch aktive Mitarbeit zu ändern, ist gescheitert. Auch der Versuch, das System von außen durch Widerstand herauszufordern, könnte scheitern, da sollten wir ehrlich sein. Den bestehenden profitorientierten Herrschaftssystemen sind die Bedürfnisse, Rechte und Wünsche der Normalbürger – und nicht zu vergessen die unseres Planeten – völlig egal. Alle Steuerungsinstrumente wie Medien der Massenkommunikation, das Wahlsystem und sogar Gerichte sind bereits unterwandert worden und werden zu ihrem Zweck manipuliert.

Ein Realist würde nun verständlicherweise verzweifeln. Wenn ich jetzt in die innere Emigration ginge, würde ich ein kleines Stück Land suchen, wo ich nie wieder einen Laubbläser hören müsste und größtmöglichen Trost bei meiner Familie, meinen Büchern und in den leisen Tönen und der Schönheit der Natur finden könnte. Doch Aufgeben ist moralisch nicht akzeptierbar. Damit würden wir Geborene und Ungeborene (wie der Indianerhäuptling Sitting Bull einst sagte) und auch Flora und Fauna (die für Sitting Bull auch heilig waren), zu Elend und Tod verurteilen. Wir haben nicht das Recht dazu. Wir müssen aufstehen und für das Leben kämpfen.

Wir müssen für die kämpfen, die nach uns kommen, für die, die momentan zu klein, zu schwach oder zu machtlos für einen Kampf sind, für die Geborenen und Ungeborenen, für all die, die wie mein Sohn noch nicht die Fähigkeit verloren haben, Bewunderung und Ehrfurcht für die Natur zu empfinden. Das sind wir unseren Kindern schuldig. Es wird unsere größte moralische Herausforderung und die größte Mutprobe sein, wie Sitting Bull klar zu erkennen, dass uns dunkle und mächtige todbringende Kräfte gegenüberstehen und trotzdem die Kraft zum Widerstand zu haben. Sitting Bulls größte Angst gegen Ende seines Lebens war, nicht hart genug für sein Volk gekämpft zu haben und dass Leute ihn deswegen schlecht über ihn reden könnten.

Durch Widerstand bewahren wir unsere persönliche Würde als Individuen und verdeutlichen, dass wir nicht als Objekte wahrgenommen werden wollen. Widerstand ist ein Weg, unserer eigenen Orientierungslosigkeit zu trotzen. Das Leben ist kurz, wir alle werden sterben. Fast alle Kämpfe für Gerechtigkeit werden uns lange überleben. Ich finde Trost im Glauben. Nicht Glaube im religiösen Sinn, sondern der Glaube, dass wir alle dazu berufen sind, Gutes zu tun, zumindest soweit wir es können und dann loslassen. Wir wissen nicht, wo das Gute hingeht oder ob es überhaupt etwas bewirkt. Buddhisten nennen das „gutes Karma“. Doch Glaube bedeutet, dass Aktionen des Widerstands – wahre Spiritualität hat immer mit Widerstand zu tun – niemals sinnlos sind, selbst wenn alle konkreten Anzeichen für ihr Scheitern sprechen. Dieser Glaube tröstet mich sehr.

Es ist der Glaube, den Cyrano de Bergerac in seiner letzten aussichtslosen Schlacht zum Ausdruck brachte. Tödlich verwundet und im Angesicht des Todes steht er plötzlich auf: „Nicht hier! Nicht am Boden liegend!”

Seine Freunde wollen ihm helfen. “Lasst niemanden mir helfen” sagt er zu ihnen, als er sich gegen einen Baum stützt. “Nur den Baum … Lasst ihn nun kommen! Er wird mich stehend antreffen, mit dem Schwert in der Hand…”

“Was sagst Du da?” ruft Cyrano in die Dunkelheit. “Hoffnungslos? Nun gut! Doch ein Mann kämpft nicht nur für den Sieg! Nein! Nein, es ist besser zu wissen, dass man vergeblich kämpft! … Du da, wer bist Du? Hundert gegen einen. Jetzt sehe ich, es sind meine alten Feinde: Falschheit! Und da! Da! Vorurteile, Kompromisse, Feigheit!”

Er schwingt sein Schwert. “Was ist das? Nein! Aufgeben? Nein! Niemals! Ah, Eitelkeit, Du bist auch da! Ich wusste, Du würdest mich schließlich besiegen. Nein! Ich kämpfe weiter! Weiter! Weiter!”

Atemlos und sterbend bleibt er stehen. “All meine Lorbeeren habt Ihr mir entrissen, all meine Rosen, doch trotzdem werde ich eine Krone mitnehmen. Wenn ich vor Gott trete, soll mein Gruß die Sterne von der blauen Schwelle fegen! Ein unbeflecktes Ding, unentdeckt von der Welt, trotz aller Verhängnis. Mein Eigentum!”

Er springt mit gezücktem Schwert vorwärts.

“Und das ist… ”

Das Schwert fällt ihm aus den Händen. Er taumelt und fällt Roxane und seinen Freunden in die Arme.

“Das ist … mein Federbusch.”

—Chris Hedges

Translated by Translator Brigades[email protected]
*Der Originaltitel des Artikels lautet „Panaché – why we must fight“. Das „Panaché“ war früher in Frankreich der Federschmuck auf dem Helm eines Ritters oder Kriegers. Der Federbusch wird hier gebraucht gleichbedeutend mit „Leidenschaft“ oder „emotionaler Einsatz für eine Sache“. Siehe auch die Originalzitate aus „Cyrano de Bergerac“ am Ende des Artikels (A.d.Ü.)